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Gordian Kaulbarsch stellt mit Yet another strange System ein parodistisches Fan-Rollenspiel vor.
Metadaten[]
| Autor*in | Gordian Kaulbarsch |
| Illustrator*in | |
| Ausgabe | Störtebekers Logbuch Nr. 13 |
| Seiten | 66-68 |
| Format | Zweispaltig |
Quelltext[]
YASS[]
Yass - "Yet another strange system" wird seinem Namen eigentlich nicht wirklich gerecht. Es ist nicht ein weiteres seltsames Rollenspielsystem, sondern so ziemlich eines der schrägsten, die mir bisher unter die Finger gekommen sind. Und im Gegensatz zu vielleicht Paranoia oder Power, Plüsch & Plunder oder vielen anderen ist es zudem ein nichtkommerzielles Fan-Produkt.
"Nachdem Heldentum und das Vollbringen guter Dinge inzwischen ziemlich out sind, die Spieler lieber Gelder und hohe Ränge einstreichen und Erfahrungspunkte scheffeln wollen, wobei der Spielleiter gelinde mit seinem netten Abenteuer verzweifelt..."
...ist die Zeit reif für Yass! Denn hier ist alles irgendwie andersherum: Während viele Systeme es dem Spieler nahelegen, sich einen Hyper-Superhelden zusammenzustellen (ja manche kaschieren das nicht einmal, sondern nennen sich auch noch genau so), gilt es in Yass, einen Looser zu spielen.
Und damit sind wir schon beim ersten Konzept von Yass, dem Yass-Charakter. Im Gegensatz zu den Klischees der Fantasy oder der Science Fiction, die in herkömmlichen Rollenspielen gerne verbraten werden, wird hier den Klischees des Alltags entsprochen: Daher finden sich als Charakterklassen solch eigenartige Gruppen wie Manager, Vertreter, Prüfer, Sänger, Lamer (das sind Computer-Daddel-Freaks), Models, Reinigungspersonal, Sekretärinnen und Friseusen. Und alle stellen zudem die übelsten Vertreter ihrer Art dar.
Wenn schon die Charakterklassen etwas ungewöhnlich sind, so sollten die Attribute dem natürlich in nichts nachstehen: Was den meisten Systemen ihre Stärke, Geschicklichkeit oder Intelligenz ist, ist Yass die Inkompetenz (übrigens das absolute Hauptattribut), die Machtgier (die Weltherrschaft lauert überall...), das Chaos (... Störtebekers Erben aber auch), die Dekadenz, die Auflehnung, der Donner (soll heißen, wie aufgedonnert ein Charakter ist), die Arroganz und die Eitelkeit und als zusätzliches noch die Erbse (steht für penible Erbsenzählerei). Jeder Charakterklasse ist übrigens jeweils ein Attribut zugewiesen - dort gibt es dann noch einen Bonus.
Ein altgedienter Rollenspieler könnte jetzt einwenden, daß es keinen Unterschied mache, ob eine hohe Kompetenz vorliegt oder eben eine niedrige Inkompetenz. Doch während Du im üblichen Rollenspiel mit hochwertigen Fähigkeiten ein Problem bewältigt wird, gilt es gerade bei Yass mit hochwertigen Unfähigkeiten eben jene Probleme anzugehen. Ich weiß, das klingt etwas verwirrend; ein Beispiel aus den Yass-Regeln kann das verdeutlichen:
Die Charaktere sind in einen Bunkerkomplex gelangt (eher zufällig), und stehen vor einer Konsole, an der sich eine Art Uhr befindet, die ulkigerweise rückwärts läuft - sie haben leider nicht erkannt, daß gleich eine sehr heftige Explosion ihr Leben beenden könnte. Doch dem Manager versagt plötzlich seine Inkompetenz und er bekommt eine Ahnung von den Umständen und außerdem ziemliche Angst...
- Manager: "Verdammt, mein Aktenkoffer!" (Alle Manager sind auf Aktenkoffer und Terminplaner fixiert)...
- Manager: "Hört mal... was ist, wenn die Basis hier gleich in die Luft fliegt? Ich meine, das Ding da sieht wie ein Countdown aus."
- Friseuse: "Die Mikrowelle?"...
- Manager: "Zeit zur Panik."
- Reinigungskraft: "Ich halte das nicht mehr aus. Hier muß endlich jemand sauber machen. Gibt es hier irgendwo Spülmittel?"
- Spielleiter: "Nein."
- Reinigungskraft: "Verzweifelte Situationen verlangen verzweifelte Maßnahmen. Ich nehme das Salz aus dem Salzstreuer und streue es in meinen Eimer. Dann kippe ich die lauwarme Tasse Kaffee von Simon [der Sänger] und den Rest aus der Kanne dazu."
- Sänger: "Mein Kaffee! Ryder, Dein Putzfimmel geht mir auf die Nerven."
- Spielleiter: "Das Salz löst sich auf und bildet mit dem Kaffee eine ekelhafte, ungenießbare Brühe."
- Friseuse: "Ihr seid widerlich!"
- Reinigungskraft: "Ja, und jetzt kippe ich alles mit Schwung über der Konsole aus."
Was soll ich sagen; es gibt viele Kurzschlüsse und der Countdown bleibt stehen und die Gruppe ist gerettet - aber nicht durch irgendeine Fähigkeit, sondern nur durch (oder trotz) der Inkompetenz der Charaktere. Was sich die Spieler gedacht und überlegt haben, steht auf einem anderen Blatt.
Im Prinzip setzt Yass auf Slap-Stik-Effekte á la "The Pink Panther" oder ähnlicher Filme, was wohl gar nicht immer so leicht sein dürfte - für die Spieler wie auch für den Spielleiter bei seiner Vorbereitung.
Die Yass-Welt hat es auch ganz schön in sich. Sie ist zwar nicht wahnsinnig innovativ - dafür aber geheim! Die Spieler kommen erst langsam dahinter, was nach dem rätselhaften Wendepunkt geschah. Jeder Charakter startet in der Jetztzeit, doch plötzlich geschieht ein Unfall oder etwas ähnliches und keiner findet mehr nach Hause, geschweige denn das Arbeitsamt (dachtet Ihr etwa, Yass-Charaktere wären zu einer regulären Arbeit zugelassen?). Mehr will ich aber auch nicht verraten.
Neben einführenden Erklärungen diese Welt betreffend, wird eine Reihe von merkwürdigen Nichtspielercharakteren geboten und eine Menge Hilfen, Abenteuer und Kampagnen aufzuziehen. Natürlich nicht immer ganz ernst. Die Autoren können es schließlich nicht lassen, an allen möglichen Stellen immer wieder Seitenhiebe auf das Rollenspiel oder die Rollenspieler zu geben.
Was sich noch sagen läßt: Yass ist würfelarm - im Allgemeinen kommt es sowieso nur auf das Kommunizieren an; Würfelorgien sind nicht angesagt. Außerdem enthält es keine Tabellen, zumindest keine wirklich ernst gemeinten. Interessant sicher auch, daß sich Yass gegen die klassische Auftraggeber-Mentalität wendet. Wozu noch Aufgaben suchen, wenn doch schon die ganze Welt ein Rätsel darstellt?
Wohl das einzige Manko an dieser Ausgabe ist die wirre Illustrierung: Abstrakte Computer-Grafiken reihen sich an Photos, (offenbar) eigenen Illus und wohl Geklautem. Zwar ziemlich chaotisch - und daher wohl einigermaßen passend - aber doch nicht so richtig schön. Aber die Illustrierung ist schließlich nur Beiwerk und in der nächsten Auflage (ähm, gibts die?) wäre sicherlich eine Verbesserung möglich.
Die 16 DM, die für dieses 78-seitige Machwerk (in DIN A4) hinzublättern sind, wirken nur auf den ersten Blick viel für ein nichtkommerzielles Produkt. Eine gute Verarbeitung und ein sauberer Druck in einer wahrscheinlich nicht allzu großen Auflage erklären den Preis leicht. Besondere Inkompetenz (Wert 15 oder höher!) bewiesen die Yass-Macher dann auch noch darin, dem interessierten Leser ihre Adresse vorzuenthalten. Aber Dank der Recherchekünste des Logbuchs kann hier doch noch verraten werden, was sich hinter dem Herausgeber GATE (Galloway Adventure Team) verbirgt. Yass läßt sich also bestellen (und auf diversen Cons sicher auch kaufen) bei
- Peter Nomigkeit
- (diese Kontaktdaten wurden nicht mit übertragen)
Ich kann nur empfehlen, ob nun nur zum Lesen oder zum Rollenspiel: Auf jeden Fall Kaufen!