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Marc Höhne gibt einen historischen Überblick über Prophetie und Hellseherei und deren verschiedene Formen. Im weiteren Verlauf erörtert er die Einsatzmöglichkeiten im Rollenspiel. Bei diesem Beitrag handelt es sich um den zweiten Teil einer zweiteiligen Serie zum Thema.

Metadaten[]

Autor*in Marc Höhne
Illustrator*in
Ausgabe Störtebekers Logbuch Nr. 2
Seiten 20-23
Format Zweispaltig

Quelltext[]

Von Hellsehern und Scharlatanen[]

Wahrsagerei im Rollenspiel II

Der Ursprung der Natur—Wahrsagekunst liegt höchstwahrscheinlich in den alten Schamanenkulten. Seit mindestens 25,000 Jahren erfüllen die Schamanen ihre Aufgaben als Priester, Zauberer und Heiler bei primitiven Völkern. Schon die Wandmalereien in Steinzeithöhlen zeigen in Trance erstarrte Medezinmänner. Und auch heute noch üben die Schamanen ihre Wahrsagekunst in Asien, der Arktis sowie in Nord- und Südamerika aus.

Im Mittelpunkt ihres Glaubens steht die Vorstellung, daß jedes Tier und jede Pflanze, ja selbst jeder Stein lebe und von einem Geist beseelt sei. Um mit diesen Seelen in Kontakt zu treten, unterziehen sich die Schamanen harten körperlichen Prüfungen, und erst dann, wenn sie ganz und gar in die Geheimnisse der Natur eingedrungen sind, erlangen sie die Gabe, die Zukunft zu erkennen und zu deuten.

In den USA wird die Tasseographie, das Deuten aus Teeblättern, gern in sogenannten Zigeuner-Teestuben praktiziert, wie man sie in Großstädten vorfindet. Meistens muß man eine fade Mahlzeit und eine Tasse Tee bestellen, ehe sich das Medium dazu bereit erklärt, dem Betroffenen die Zukunft zu deuten. Solche Etablissments, die ihre Gäste nur ausnutzen, haben die Tasseographie sehr in Verruf gebracht.

Kristallomantie:[]

Die vielleicht am weitesten verbreitete Form der Weissagung ist die Kristallomantie, bei der sich ein Medium auf eine Kristallkugel oder andere spiegelnde Gegenstände und Flüssigkeiten konzentriert, um auf diese Weise in die Tiefen des geheimen Wissens vorzudringen. Die Griechen der Antike praktizierten vor allem die Hydromantie. Sie schauten dabei in fließendes Wasser, z.B. in die heilige Quelle vor dem Tempel der Göttin Demeter, in die Zukunft zu deuten. Wenn ein Kranker wissen wollte, ob er Heilung finden würde, ließen die Priesterinnen einen Spiegel an einer Schnur in die heilige Quelle versinken, bis dieser das Wasser berührte. Wenn sie ihn wieder nach oben holten, konnten sie in dem Spiegel angeblich das Bild des Fragenden sehen... als Toten oder als Lebenden.

Eine andere Methode der Kristallomantie ist die sogenannte Gastromantie. Hierbei füllte man besondere Glaskugeln mit klarem Wasser, stellte brennende Fackeln um sie herum auf und bat um Erleuchtung. Nach einiger Zeit erschien in den Reflexen im Wasser ein Dämon und verkündete über das Medium, was sich ereignen würde. Vor allem diese Art der Kristallomantie war bei den christlichen Missionaren verachtet. Sie wandten sich entschieden gegen diese Wahrsagekunst. Und so verkündete die Kirche, daß jeder Christ, der daran glaube, daß man Dämonen in Spiegeln erblicken könne, so lange von der Kirche ausgeschlossen werde, bis er bereut habe.

Trotz der zahlreichen Methoden der Kristallomantie, die sich im Laufe der Zeit entwickelten, blieb das Weissagen aus der Kristallkugel die wichtigste Form der Kristallomantie. Und wie so viele Pratiken des Okkulten erlebte auch sie ihren Höhepunkt im späten 19. Jahrhundert, der Blütezeit des Spiritismus. Da die Kristallomantie eine so große Verbreitung im Bereich der Wahrsagemethoden fand und über diese Form der Weissagung zahlreiche Informationen und Schilderungen vorliegen, möchte ich gerne im folgenden Abschnitt einen kurzen Einblick in die Technik der Kristallschau geben.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienen eine Reihe von Büchern, die die verschiedensten Kristallschau-Techniken beschrieben. So schilderte ein Seher in einem seiner Bücher eine umständliche Zeremonie, zu der man alle möglichen Geräte benötigte, unter anderem einen Kugelständer aus Ebenholz oder Elfenbein, auf dem in erhabenen goldenen Lettern eine magische Formel stehen mußte. Weiterhin verlangte der Autor, daß man sämtliche zur Kristallschau benutzten Gegenstände weihte und vor jeder Lesung eine lange Gebetsformel sprach. Am Ende seiner Schilderungen richtete er dann noch eine ernste Warnung an all diejenigen, die die Kristallschau in böser Absicht durchführen wollten: "Wenn eine solche Person den Kristall benutzt, wird das früher oder später entsetzliche Folgen für sie haben."

Die Esoteriker von heute sind zwar weniger pedantisch und nicht so ängstlich wie ihre Vorfahren, aber ihre Anweisungen zum Erlernen des Kristallsehens sind immer noch recht kompiziert. So empfiehlt ein Verfasser eine runde oder ovale Kugel mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern. Als Material werden Naturkristalle bevorzugt, aber Glas ist wesentlich billiger und erfüllt ebenfalls den gleichen Zweck. Um stärkere Temperaturschwankungen und andere unerwünschte Einflüsse zu vermeiden, sollte die Kugel möglichst an einem dunklen Ort und immer an derselben Stelle aufbewahrt werden. Zudem darf sie weder Flecken noch Kratzer aufweisen, da solche Unreinheiten den Seher ablenken könnten. Hierbei gibt es ein altbewährtes Rezept zur Säuberung der Kugel man legt sie eine Viertelstunde in ein kochendes Gemisch aus Wasser und Branntwein im Verhältnis 5:1 und reibt sie dann mit einem Wildlederlappen trocken. Ein anderer Autor ist der Ansicht, daß der Seher selbst ein paar Tage vor einer Kristallschau den Geist durch positives Denken einstimmen, den Körper durch eine ausgewogene Diät entschlacken und mehrmals ein Bad nehmen sollte.

Ein Raum mit gedämpfter Beleuchtung eignet sich am besten für die Kristallschau. Die Kugel sollte von einem dunklen schweren Stoff, am besten Samt, umgeben sein, damit den Seher keine Reflexe ablenken. Der günstigste Abstand zur Kugel sei ca. dreißig Zentimeter. Manche Experten empfehlen, daß man mit den Händen über die Kugel streichen sollte, um damit ihre Kraft und Empfänglichkeit zu erhöhen. Andere Experten wiederum schlagen vor, gleichzeitig auf die Kugel und durch sie hindurch zu schauen, um vorübergehend die normale Sicht auszuschalten und sich damit in die Betrachtung des Inneren zu versetzen. Bei diesem Vorgang wird die Kugel angeblich nach etwa fünf Minuten trübe und milchig, als ob sie von Nebelwolken durchzogen würde. Wenn sich diese Wolken auflösen, erscheinen unter anderem Szenen, entweder wie Dias als eine Folge von Einzelbildern oder wie eine Art Film.

Sind überhaupt keine Bilder zu sehen, dann besteht immer noch die Möglichkeit, die Wolken selbst zu deuten. So sieht man z.B. in weißen Wolken Zustimmung oder gute Nachrichten, in schwarzen Wolken dagegen Ablehnung oder gar eine schlimme Botschaft. Leuchtende Farben wie rot und gelb verkünden Unangenehmes, während blau und grün auf eine freudige Überraschung hinweisen.

Schwerer hingegen sind konkrete Bilder zu interpretieren, die in einer Kristallkugel erscheinen, da sie für jeden eine andere Bedeutung haben. So kann z.B. ein Schiff eine bevorstehende Reise andeuten, für eine andere Person aber den Wunsch, einer unangenehmen Situation zu entfliehen.

Soviel zur Kristallomantie. Ich hoffe, daß ich mit diesem Abschnitt einen Einblick geben konnte in die Problematik der Kristallschau-Technik und deren Deutung.

Wahrsagerei im Rollenspiel:[]

Kommen wir nun endlich zur Bedeutung der Prophezeiung im Rollenspiel. Hierbei muß man sich zunächst die Frage stellen, ob Prophezeiungen in der jeweils vorzustellenden Welt überhaupt möglich sind. Und wenn ja, dann sollte man sich überlegen, was für eine übernatürliche Kraft dahinter steckt, die einem Einblick gewährt in die Vergangenheit oder in die Zukunft und was für einen Stellenwert die Weissagung in der jeweiligen Welt einnimmt.

Götter, die vor allem bei den Fantasyrollenspielen ein wichtiges Gedankengut darstellen, werden am häufigsten als schöpferische Kraft für Prophezeiungen angegeben. Sie werden als die Allwissenden dargestellt, die keine Grenzen zwischen Zeit und Raum kennen. Hierbei sollte man aber folgendes bedenken. Götter sind nicht im jeden Falle immer die allmächtigen Wesen, die alles und jeden beherrschen. Der Spielleiter muß sich für sich zunächst eine Definition erarbeiten, was für Wesen eigentlich Götter sind. Letztendlich sind Götter vielleicht nur Titanen, mächtige unsterbliche Zauberer, die sich selbst einer höheren Macht fügen müssen. Aus dieser Definition ableitend kann man dann auf folgende Punkte übergehen. Zum einen kann man näher auf die Häufigkeit erfolgreicher Prophzeiungen eingehen und zum anderen kann man Aussagen treffen über die (Zwei-)Deutigkeit von Weissagungen. Hierzu möchte ich wieder auf das obengenannte Beispiel mit den Titanen eingehen. Es wird selten vorkommen, daß in der betreffenden Spielwelt nur eine einzige Gottheit vorherrscht, so daß Götter zunächst einmal damit beschäftigt sind, sich gegenseitig die Waage zu halten. D.h., daß man nicht einfach darauf hoffen kann, daß die anzubetende Gottheit einem mal eben Aufmerksamkeit schenkt, nur weil man eine Kristallkugel in die Hand nimmt und darauf reibt. Um die Aufmerksamkeit eines Gottes auf sich zu lenken und diesen um Erleuchtung anzuflehen, ist schon ein wenig mehr erforderlich. So z.B. das mehrtägige und nächtliche Fasten vor einer Orakelbefragung, bestimmte Opfergaben, Rituale bizarrester Art, ganz bestimmte Artefakte, die für die Befragung des Orakels von Nöten sind etc.

Und selbst wenn der Kontakt zu der jeweiligen Gottheit hergestellt ist, so wird diese immer versuchen, die Zweideutigkeit eines Orakelspruches beizubehalten. Zum einen aus dem Grunde da man möglichst vermeiden will, die Aufmerksamkeit der anderen Götter auf sich zu lenken. Zum anderen aus dem Grunde da es immer wieder Spieler geben wird, die auf eindeutige Orakelantworten beharren werden, "Aber mein Gott hat mir doch prophezeit, daß ich diese Schlacht gewinnen werde!"... Um dies zu vermeiden, sollte man als Spielleiter nun versuchen, den Spielern das Schleierhafte bzw. das Verborgene einer Prophezeiung zu übermitteln. Der Orakelspruch "Geht und findet die gläserne Tür" ist ein typisches Beispiel hierfür. Gemeint dabei ist z.B ein Wasserfall, hinter dem sich etwas verbirgt. Oder ein anderes Beispiel "Du wirst in der bevorstehenden Schlacht ein großes Heer vernichten". Hiermit kann das feindliche als auch das eigene Heer gemeint sein.

Zudem muß man auch noch bedenken, daß Götter eine Intelligenz besitzen, die von einem normalen sterblichen Wesen nicht erfasst werden kann. Sie denken im höchsten Maße abstrakt und viel zu umfassend. Deshalb werden die meisten Antworten in orakelhafter Form wiedergegeben. Von Zeit zu Zeit passiert es auch, daß ein Medium die Antwort nur in Bruchstücken wahrnimmt. Es könnte ja z.B. sein, daß ein anderer Gott versucht, den Informationfluß zu stören, um so die Aktivitäten des jeweiligen Gottes zu unterbinden. Es wird selten vorkommen, daß ein Gott bei einem Orakel zielgerichtete Informationen preisgibt, außer mit einer ganz bestimmten Absicht. Aber selbst hierbei wird die jeweilige Gottheit ihre Rätselhaftigkeit bewahren.

Prophezeiungen können einerseits Anlaß zu einem Abenteuer sein oder andererseits Ziel eines Abenteuers. Ein Anlaß ist z.B. gegeben, wenn einer der Abenteurer bei einem Orakel den visionären Auftrag eines ihm wohlgesonnenen Gottes erhält, sich auf die Suche nach einem legendären Artefakt zu machen.

Ein mögliches Ziel wäre z.B. das Aufsuchen eines bestimmten Orakels (Sphinx, Der singende Brunnen etc.), um bestimmte Informationen zu erhalten oder einfach als Anknüpfpunkt zu einem weiteren Abenteuer. Aber nicht alle Medien beziehen ihre Informationen von den Göttern. So besitzen z.B. die Schamanen eine andere Art von Bezugsquelle, die endlose Welt jener Geistwesen, die nicht mehr an Raum und Zeit gebunden sind. Bei einem schamanistischen Orakel kommt es vor allem darauf an, mit was für einem Geist das Medium versucht hat, in Kontakt zu treten. Wer weiß, ob der beschworene Geist überhaupt über die gestellte Frage Auskunft geben kann. Und meist ist die Auskunft mit einer Gegenleistung verbunden, z.B. das Überbringen einer Botschaft, das Aufspüren einer bestimmten Person usw. Und wehe dem, der einen Handel mit einem Geist bricht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Betrogene ihn finden wird...

Je nach Art des Geistes kann die orakelhafte Antwort variieren. Eine Gefesselte Seele z.B. ist ein Geisterwesen, das durch einen Fluch an einen bestimmten Ort gebunden wurde. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um den Ort ihres Todes. Dieser Geist kann vor allem Informationen über die Vergangenheit des betreffenden Ortes weitergeben.

Besonders abergläubische Menschen lassen sich von Prophezeiungen beeindrucken und täuschen. Und so ist es nicht verwunderlich, daß neben den Propheten es auch Menschen gibt, die diese Situation ausnutzen. Wer kennt nicht die Wahrsagerin auf dem Marktplatz, die einem zukünftige Ereignisse vorraussagt gegen bare Münze. Oder gar den Seher aus "Asterix & Obeligx", der es verstand, mit falschen Visionen sich bei den Dorfbewohnern einzuschmeicheln und dementsprechend abzukassieren.

Als letzten Punkt möchte ich noch erwähnen, das bestimmte Hilfsmittel wie z.B. TAROT-Karten durchaus die Stimmung bei dem Ausspielen einer Prophezeiung fördern können.

[MAHÖ]

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