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Historische Betrachtung auf Störtebeker, seine Bedeutung für die Likkedeeler und die spätere Legenden-Entwicklung. Die ISBN wurde nachträglich hier eingefügt.

Metadaten[]

Autor*in Raul Lohalm
Illustrator*in Gordian Kaulbarsch: Keine Kogge, andere Bilder sind gemeinfrei
Ausgabe Störtebekers Logbuch Nr. 9
Seiten 7-8,10-12
Format Zweispaltig

Quelltext[]

Störtebeker - Sagenhaftes & Historisches[]

Da benennen wir uns nach dem größten Volkshelden, den die Welt je gesehen hat, und trotzdem weiß keiner, wer Klaus Störtebeker war, ob es ihn wirklich gab oder ob er nur eine Sage ist.

Eine Legende ist Störtebeker heute im norddeutschen Raum auf jeden Fall. Mangel an historischen Quellen und sein charakteristischer Name haben den Chronisten und Sagenspinnern vor allem während der Renaissance und der Zeit der französischen Revolution Tür und Tor geöffnet, so daß es heutzutage in sämtlichen nördlichen Gemeinden Störtebekergeschichten gibt, über seine Herkunft, seine Schätze, seine Verstecke und seine Burgen. Doch bei vielen dieser Sagen handelt es sich in Wahrheit um die Konjunktion von einem alten "vergessenen" Sagenteil mit dem neuen Motiv "Klaus Störtebeker".

Doch selbst die "Original"-Sagen unterscheiden sich erheblich voneinander. Einige lassen sogar seine Hinrichtung aus, welche ihm doch so viel Ehre erbrachte.

Kuntz von der Rosen.png

Klaus Störtebekers Herkunft ist in sämtlichen Sagen ungewiß. Manche Erzähler lassen ihn als Edelmann, manche als Bettler beginnen. Doch in der Regel landet er früher oder später auf dem Schiff von Godeke Michels, der ihn eigentlich gleich wieder über Bord werfen lassen will bzw. an einen Mast fesselt (mit drei Hanfseilen, die Störtebeker ganz locker-flockig zerreißt). Doch, bevor bzw. nachdem dies geschieht, hält Klaus Störtebeker eine kurze, aber ergreifende Rede, und greift sich einen Krug (oder besser Becher) und stürzt ihn in einem Zug die Kehle hinunter. (Spätestens) Nach der zweiten Leerung wird er in die Mannschaft der Likedeeler aufgenommen, die solch eine Trinkfestigkeit zu schätzen wissen.

Klaus Störtebeker steigt schnell in der Gunst Godeke Michels auf und erkämpft sich an seiner Seite sein eigenes Schiff, welches er "Haifisch", "Falke" oder nach seiner toten Geliebten (in jeder Sage anderen Namens) benennt und fürderhin mit Godeke Michels, dem Magister Wigbold und Wichmann, ebenfalls zwei Vitaliern, zusammen die hanseatischen Pfeffersäcke beklaut und häufig auch den Armen etwas schenkt (nicht ganz wie Robin Hood, aber fast).

Nun ja nach einigen Jahren Saus und Braus kommt das Aus!

Simon von Utrecht rüstet eine riesige Flotte aus - manche schreiben, daß das letzte Schiff noch nicht den Hamburger Hafen verlassen hatte, als bereits das erste Schiff schon die Nordsee erreicht hatte - um Klaus Störtebeker vor Helgoland zu ergreifen. Jener, ganz ehrenhaft, stellt sich, und ein erbitterter Kampf entbrennt, in dem die Piraten, trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit zu obsiegen scheinen. Doch, ach weh! - Störtebekers gutes Herz ist sein Ende. Während der Kampf tobt, beginnt es zu stürmen und ein Fischer bittet ihn aus seiner Nußschale heraus auf Störtebekers Schiff steigen zu dürfen, da er sonst ertränke.

Natürlich dürfe er,
und sogar sein Süppchen kochen.
Doch ohwei, statt Suppe kocht er Blei.
Und gießt dies unverdrossen
in Klausens Ruderflossen.

Überwältigung Störtebekers.png

Trotz hartnäckiger Versuche, mit siedendem Öl wieder manövrierfähig zu werden, gelingt es den Likedeelern nicht, und so werden sie durch diese Hinterlist von Simon von Utrecht auf der "Bunten Kuh" gefangen und nach Hamburg geschafft.

Dort angekommen bietet Klaus Störtebeker dem Hamburger Rat für Begnadigung seiner Mannschaft eine goldene Kette, die die Stadt einmal umspannen könne. Der Rat lehnt dankend ab, gewährt aber jenen Begnadigung, an welchen er noch ohne Kopf vorbeigehen könne. Wie gesagt, so getan; und so wurden noch drei bis fünfzehn Vitalier begnadigt (die Sagen streiten sich um Schrittanzahl, Länge und die Anzahl Vitaliern, an denen Klaus Störtebeker kopflos vorüberschritt) bis der Henker, ein Waschweib, der Sohn des Henkers bzw. ein Mitglied seiner eigenen Mannschaft ihm ein Bein stellt bzw. einen Klotz vor die Füße wirft. Der Henker antwortete übrigens auf die Frage eines Ratsherren, ob er denn nicht müde werde vom Köpfe Abschlagen: "Wenn es nach mir ginge, ich könnte den ganzen Rat dazu köpfen." Wohlgesprochen, und sein Kopf lag neben denen der Piraten.

Klaus Störtebeker wurde erst lange nach seinem Tod populär. Zu seinen Lebzeiten war er nur ein kleiner Piratenhauptmann, für den sich nicht einmal die Hanse so recht interessierte. Folglich ist auch die Quellenlage um Klaus Störtebeker äußerst dürftig. Im Jahre 1473 versuchte ein Seeräuberkapitän gegenüber seinen Opfern mit den Worten "Ich bin Klaus Störtebeker." Eindruck zu schinden, was jedoch mißlang, da der Name "Klaus Störtebeker" weder den Kaufleuten noch den Kontoren in Brügge und Hamburg bekannt war. Dieses Ereignis zeigt jedoch, daß er aber in Seeräuberkreisen einen Namen hatte, oder vielmehr einen bekam. Denn zum Zeitpunkt seines Todes war er zwar ein Piratenhauptmann, doch in den Augen der Öffentlichkeit mit Abstand nicht der Gefährlichste oder Bekannteste. Nur in Ostfriesland dürfte er einen gewissen Bekanntheitsgrad besessen haben, da er bei einem der dortigen Häuptlinge im Winter Unterschlupf fand, vermutlich in Marienhafe, welches damals vorübergehend - dank einer Sturmflut - eine schiffbare Verbindung zum Meer besaß. Seine Ware verkaufte er regelmäßig an jene Häuptlinge. Er wurde auch manches Mal von diesen als Söldner für die ewigen Fehden unter den Ostfriesen angeworben. In seiner vermutlichen Heimatstadt[1] Wismar, wo wohl seine Karriere ihren Anfang nahm, war er völlig unbekannt.

Lösen wir uns nun gänzlich von der Sage und richten unseren Blick auf die historischen Begebenheiten. Dazu muß gesagt werden, daß es aus jener Zeit fast keine schriftlichen Quellen mehr gibt (wir erinnern uns: der große Brand in Hamburg im letzten Jahrhundert).

Seeschlacht mit Störtebeker.png

Die erste Erwähnung, die man mit Klaus Störtebeker in Verbindung bringt, ist in dem Verfestungsbuch der Stadt Wismar im Jahre 1380 zu finden. Dort wird er im Zusammenhang mit einer handfesten Schlägerei (Platzwunden und Knochenbrüche) gegen zwei andere Seemänner erwähnt. Klaus Störtebeker, der dort als Nicolao Stortebeker eingetragen ist, war das Opfer dieser Schläger und seine Gegner wurden aus der Stadt verfestet (gewiesen). Nach diesem Vorfall wird es für einige Jahre ruhig um unseren Volkshelden. Bis er wahrscheinlich im Jahre 1391 dem Aufruf der Städte Wismar und Rostock folgte: "Alle die das Reich Dänemark schädigen wollen", würden in diesen Städten Kaperbriefe vom Herzog von Mecklenburg erhalten und dürften auch dort ihre Waren feilbieten. Doch begann er als einfacher Vitalienbruder und blieb als solcher weitgehend unbekannt. Klaus Störtebeker taucht als Piratenhauptmann erst auf nach der Vertreibung der Vitalienbrüder aus der Ostsee, insbesondere durch den Deutschen Orden aus ihrem Versteck auf Gotland. Die kriegführenden Parteien hatten Frieden geschlossen und nun ergab sich das Problem, die sowieso schon außer Kontrolle geratenen Kaperer wieder los zu werden. In den Jahren 1394 bis 1399 fügte Störtebeker den Engländern und Englandfahrern der Hanse - häufig zusammen mit Godeke Michels und Klaus Scheld - beträchtlichen Schaden zu; aber er trieb auch immer noch in der Ostsee und der friesischen Nordseeküste sein Unwesen. Aus dieser Zeit wissen wir über Störtebeker nur aus englischen Klageakten, in der sein Name für etliche Kaperungen verantwortlich steht.

Verfestungsbuch aus Wismar.png

Doch noch immer stand er im Schatten Godeke Michels, der im Jahre 1400 von der Hanse als Hauptgegner erkannt und ein Jahr später (also auch ein Jahr später als Klaus Störtebeker) erfaßt und hingerichtet wird. Die Vorgehensweise der Likedeeler hat beträchtlich zu ihrem Erfolg aber auch zu ihrem Untergang beigetragen.

Es gab nämlich keine große Organisation und keinen Piratenführer, sondern nur einzelne Kapitäne, die über ein oder zwei Schiffe Befehl hatten. Dennoch schlugen die Likedeeler gemeinsam zu, wenn sie sich trafen. Ansonsten war jeder Kapitän auf sich selbst gestellt. Apropos "Likedeeler": Likedeeler bedeutet "Gleichteiler"; die Form, untereinander gerecht zu teilen, war zur Zeit der Stände revolutionäres Gedankengut, welches bei den Tagelöhnern und dem einfachen Volk auf Sympathie stieß. Allerdings ist dieser Grundsatz keine Idee der Vitalienbrüder, sondern vielmehr ein unter Söldner- und Räubertruppen seit Jahrzehnten praktiziertes Verfahren. Ebenso stammt das Motto, daß sich die Vitalienbrüder angeeignet haben: "Gottes Freund und aller Welt Feind", auch von denselben Söldnertruppen.

Obwohl sie selten in größeren Verbänden unterwegs waren, kann auch davon ausgegangen werden, daß sie voneinander immer wußten, wo sich die jeweils anderen befanden. Diesen Kontakt konnten sie nur aufrecht erhalten, weil sie eng mit den friesischen Häuptlingen kooperierten und diese als Schutz-, Handels- und Informationszentren nutzten.[2]

So hilfreich diese Taktik der Kleingruppen war, wenn es darum ging unterzutauchen, so gefährlich war sie im Falle eines geschlossenen Angriffs auf die Likedeeler, da sie so nacheinander erledigt werden konnten. So hat es auch lange gedauert, bis die Hanse nicht mehr die immensen Kosten scheute, "Friedeschiffe" zu entsenden, um die Vitalier zu bezwingen. Denn nachdem die Hanse bereits erfolgreich Friesland "befriedet" und Godeke Michels als zentrale Figur der Nordseepiraterie ausgemacht hatte, hoffte man mit Godeke Michels Tod des Piratenproblems Herr zu werden. So schickten die Pfeffersäcke im Jahre 1400 erstmals eine größere Flotte gegen die Vitalienbrüder. Diese Flotte brachte auch schon nach wenigen Wochen eine Gruppe der Likedeeler nach Hamburg, wo sie am 21. Oktober 1400 auf dem Grasbrook hingerichtet wurden. Es gibt keine Quelle in der Klaus Störtebekers Name in Bezug auf eine Hinrichtung erscheint, doch gibt es eine Kämmerei-Rechnung zu seinem vermutlichen Todestag, in der die Enthauptung von dreißig Vitaliern, von denen keiner namentlich erwähnt ist, berechnet wird.

Schon ein halbes Jahr danach fiel derselben Flotte auch Godeke Michels zum Opfer[3], was die Nord- und Ostsee für die Pfeffersäcke wieder relativ sicher machte.

Raul Lohalm

Quelle:[]

Matthias Puhle, Die Vitalienbrüder, Campus Verlag, Frankfurt/M., 1992, ISBN 3-593-34525-0

Keine Kogge.png

Anmerkungen[]

  1. Natürlich kommt Störtebeker aus Harburg, doch die meisten Historiker sind in dieser Hinsicht noch verblendet, was sie mit wenigen Urkunden zu belegen suchen.
  2. Klaus Störtebeker tauchte während der Strafexpedition der Hanse gegen Friedland beim Herzog von Holland unter. Es existiert ein Vertrag des Herzogs von Holland mit 114 Vitaliern, unter denen auch ein Hauptmann Johann Störtebeker sich befand, bei welchem es sich wohl um "unseren" Klaus Störtebeker handelt, denn in der damaligen Zeit wurden Vornamen nicht besonders genau gehandhabt, so tauchen auch bei führenden hansischen Kaufleuten unterschiedliche Vornamen auf.
  3. Godeke Michels war übrigens höchst unbeeindruckt von der der Bedrohung, die von der Hanse ausging: Trotz der erst kurz zuvor geschehenen Ergreifung Störtebekers fuhr Michels in die Weser, hanseatisches Gebiet.
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