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Roland stellt Jules Verne und sein Werk vor, um den Zugang zu erleichtern. Abschließend gibt er eine Liste kommentierter Lese-Empfehlungen.

Metadaten[]

Autor*in Roland Röpnack
Illustrator*in Félix Nadar, Alphonse de Neuville, Henri Théophile Hildibrand
Ausgabe Störtebekers Logbuch Nr. 15
Seiten 61-65
Format Zweispaltig

Quelltext[]

Félix Nadar 1820-1910 portraits Jules Verne - Kreisbeschnitt.png

Jules Verne[]

Vater der Science Fiction

Den Namen „Jules Verne“ hat wohl jeder schon einmal gehört. Gerne wird er als Beispiel dafür zitiert, wie Science-Fiction-Autoren die Entwicklung der Zukunft vorausahnen. So mancher Film beruht auf seinen Erzählungen. Und manch einer hat ihn zur Hand genommen und gleich wieder beiseite gelegt, weil der altertümliche Erzählstil dieses Romanciers des 19. Jahrhunderts unseren modernen Geschmack nicht trifft. Mit diesem Artikel möchte ich eine Hilfe zum Verständnis seiner Werke geben, und vielleicht Interesse wecken.

Das 19. Jahrhundert: Ein goldenes Zeitalter der Wissenschaft bricht an. Adam schärft die furchtbarste Waffe, die je einem Tier vom Schöpfer gegeben wurde - seinen Verstand. Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren, Elektrizität werden zu dienstbaren Geistern, die für den Menschen bis dahin schier unerreichbare Lasten bewegen. Dampfschiffe und Eisenbahnen lassen die Nationen, ja die Kontinente zusammenrücken. Selbst in die Luft und unter Wasser unternimmt der Mensch die ersten, tapsigen Schritte. Schneller, stärker, weiter, höher - was wird dem Menschen schließlich noch unerreichbar bleiben? Was soll den Menschen noch bedrohen? Mit Impfstoffen beginnt der Krieg gegen die furchtbaren Seuchen. Dünger und Ackermaschinen steigern die Erträge der Landwirtschaft. Wer soll dem Menschen noch schaden können, wo dieser sich doch endgültig zum Herrn der Welt erklärt?

Jules Verne gibt die ernüchternde Antwort. Der Mensch selbst ist es. Zu oft richtet er seine Waffe auf seinesgleichen. Und in seinem Hochmut sich erhebend, mißachtet er die Naturgewalten. Des Menschen Geist ist eben nicht unendlich, kann die ganze Welt nicht fassen. Zwar läßt sich die Gefahr eines Blitzschlags in Bruchteilen von Prozenten und in Wahrscheinlichkeitsquotienten errechnen - doch wenn der Blitz dreinschlägt, ist er darum nicht weniger tödlich...

Im allgemeinen ist Jules Verne bekannt als ein Visionär, der die phantastischsten Erfindungen vorwegnahm. Das Unterseeboot Nautilus zum Beispiel unter seinem mysteriösen Kapitän Nemo. Übrigens entgegen einem weitverbreiteten Irrtum nicht von einem Atomreaktor, sondern von einem Elektromotor angetrieben. Oder der Hubschrauber des wahnsinnigen Ingenieurs Robur. Und natürlich die Kolumbiade, jenes Kanonenprojektil, mit dem der Vorsitzende des Gun-Club sich zum Mond hinaufschießen läßt.

Vor allem aber sind es die Kleinigkeiten, die Einzelheiten, bei denen der Leser immer wieder ausrufen möchte: „Potztausend! Das hat er sich also auch ausgedacht?“ Zum Beispiel die Mondkanone. Wenn Vernés Projektil auch von einer Kanone abgeschossen wird, funktioniert eine Rakete trotzdem genauso auf dem Rückstoßprinzip. Es wird eben nicht die Kanonenkugel abgeschossen, sondern die Kanone selbst, außerdem wird die Ladung nicht auf einmal gezündet. Der "Raketenbahnhof" der Kolumbiade befindet sich tatsächlich in Florida... Und am Ende unternimmt die Kapsel eine Wasserlandung, gerade wie die Kapseln der amerikanischen Mondraketen! Der Hubschrauber Albatros ist aus Zellstoffgewebe in Wabenbauweise - einer Technik, die seit einigen Jahren den Flugzeugbau revolutioniert... An Bord des U-Bootes Nautilus gibt es Tauchanzüge mit Preßluftflaschen, und die Uhr des Kapitän Nemo ist elektrisch - gerade wie unsere Quarzuhren... da gibt es elektrische Straßenbeleuchtungen, Artilleriegeschütze ungeahnter Stärke, superstarke Sprengstoffe, Flugzeuge, Amphibienautomobile, und und und...

Neuville.jpg

Für den modernen Leser ist es manchmal dabei nicht einfach, zwischen (mittlerweile realisierter) Fiktion und zeitgenössischem technischem Fortschritt zu unterscheiden. Denn Jules Verne war ein äußerst aufmerksamer Beobachter der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung. Vieles, was wir ihm als „Vision“ zuschreiben, wurde zu seiner Zeit erfunden oder in Prototypen erprobt. Und viele zeitgenössische Erfinder waren selbst Visionäre! So berichtet Jules Verne in Eine schwimmende Stadt zum Beispiel von seiner Reise mit dem Great Eastern über den Atlantik und zurück. Dieses Schiff, mit zwei riesigen Schaufelrädern und einer Heckschraube, mit fünf Schornsteinen und sechs Masten, dieses wahre Ungetüm war seiner Zeit um mindestens zwanzig Jahre voraus. Freilich waren die Maschinen denn doch zu schwach - und so fristete die Great Eastern schließlich statt als Luxusliner ihr Dasein als Kabelleger für das Transatlantik-Telegraphenkabel. Und doch - ihr Konstrukteur Brunel hatte den ersten Ozeanriesen gebaut mit einer Reihe von bahnbrechenden Neuerungen, die seitdem eine Selbstverständlichkeit sind, zum Beispiel Querschotten (neiiin, ihr Witzbolde! Keine nordbritischen Rockträger, die breiter als hoch sind, sondern Wände, die den Schiffsrumpf in mehrere Abschnitte unterteilen!) zur Erhaltung der Schwimmfähigkeit bei Wassereinbruch.

Besonders diese Reiseerzählung ist sehr typisch für Jules Vernes Kritik am Technokratengeist seiner Zeit. So berichtet Verne über die große Euphorie bei Indienststellung des Schiffes, und stellt dann die enormen Schwierigkeiten gegenüber, die die Great Eastern mit ihrem Tiefgang hat: irgendwie hat man sich mit der Zuladung verrechnet, und die Schaufelräder tauchen nicht weit genug ins Wasser, um ihre volle Leistung zu bringen. So manchen Hafen wird das Fahrzeug aber sowieso nie anlaufen dürfen: zu tief taucht das Schiff ins Wasser...

Die große Masse des Schiffes hat die Anker so weit in den Grund gezogen, daß man sie mit der Ankerwinden-Dampfmaschine nicht hochziehen kann. Als zusätzlich Matrosen am Gagspill eingesetzt werden, um mit Muskelkraft auszuhelfen, brechen die Hebelstangen wegen der Überlastung: die Fahrt beginnt mit einem Toten, noch ehe eine einzige Seemeile angefangen wurde.

Und auf See zeigt sich die größte Tragik dieses Riesenschiffes: Die Great Eastern gerät in einen schweren Sturm. Jedes Segelschiff, ja selbst die kleineren Dampfer hätten längst den Bug in den Wind gekehrt oder wären gar vor dem Wind „davongelaufen“, um die Wellen nicht von der Seite zu nehmen. Doch Kapitän Anderson trotzt und läßt sein Schiff weiter quer zum Wind laufen, fest entschlossen, nicht ein Grad vom Kurs abzuweichen! Es kommt, wie es kommen muß. Eine Sturzsee zertrümmert die Seitenwand. Nur den Zwischenschotten ist es zu verdanken, daß die schwimmende Stadt nicht in den Fluten versinkt. Nun ist der Dampfer zum Beidrehen gezwungen. Doch der Kapitän heult wütend in den Sturm: „Mein Schiff ist entehrt!“ Von Reue, daß er Schiff, Passagiere und Besatzung aus Stolz in schwere Gefahr geführt habe, keine Spur...

An dieser Erzählung wird deutlich, was Jules Verne am Geist seiner Zeit so mißfiel: der Größenwahn, der meinte, jedes Problem mit Technik und Wissenschaft lösen zu können. Doch noch ein anderer Aspekt zieht sich immer wieder durch seine Kritik. Es ist die Menschenverachtung der Technokraten. So zum Beispiel, wenn Verne sarkastisch erwähnt, daß beim Bau größerer Projekte, wie Tunnels, Kanäle oder Schächte eine gewisse Anzahl von Toten unter den Arbeitern als feste Größe in Kauf genommen wird, ohne etwas an der Arbeitssicherheit zu verbessern. Oder wenn eine Senke der Sahara durch einen Kanal mit dem Mittelmeer verbunden werden soll, um mit dem sogenannten Saharameer die wirtschaftliche Entwicklung der Region zu fördern. Die französischen Kolonialherren sehen sich aber bald dem erbitterten Widerstande der Araber gegenüber, die ihren Lebensraum bedroht sehen. Doch das Projekt wird beendet... Am deutlichsten bearbeitet Verne dieses Thema in Kein Durcheinander. Die Herren vom Gun-Club haben nach ihrer Mondfahrt (siehe oben) noch kühnere Pläne. Um vermutete Kohlevorkommen am Nordpol abbauen zu können, wollen sie mit einer Riesenkanone die Neigung der Erdachse ändern, damit die Polkappen schmelzen. Gleichsam als Nebeneffekt soll dabei eine weltweite Klimaverbesserung vor sich gehen. Bald erhebt sich ein weltweites Protestgeheuel, denn man erkennt, daß die Folgen einer so dramatischen Umwälzung nicht abzusehen wären. Ganz abgesehen davon würden weite Teile des bisher bewohnten Landes überflutet: Chinesen, Russen, Inder, Südamerikaner und Südafrikaner würden mit einem einzigen Kanonenschuß ausgelöscht... Doch unbeirrt arbeiten die Kanoniere weiter. Was tut es denn, wenn irgendwo in China kein Mensch mehr lebt? Doch zum Glück für die Menschheit hat man sich in der Berechnung geirrt. Der gigantische Kanonenschuß am Kilimandscharo bewegt - gar nichts: man hat sich in der Größenordnung des Rückstoßes um einige Trillionen verrechnet.

Immer wieder taucht das Thema Menschlichkeit in Vernes Romanen auf, auch in politischer Hinsicht. Hintergrund vieler Erzählungen ist der Freiheitskampf unterdrückter Völker. Auch wenn eine gewisse Bevorzugung französischer Charaktere, eine gewisse Herabsetzung deutscher oder englischer Figuren deutlich macht, daß auch Jules Verne nicht frei vom Geist seiner Zeit war, auch wenn so mancher Wilder reichlich beschränkt erscheint - immer nimmt Verne deutlich Stellung zugunsten der Menschlichkeit. Der preußische Militarismus wird ebenso kritisiert, wie Kriegsgewinnlertum, die Technokraten und Positivisten bekommen ihr Fett weg ebenso wie Kolonialisten, ob Yankee, John Bull oder Muselman, ob Pariser oder Berliner, jeder muß sich bei Jules Verne den Spiegel vorhalten lassen.

Henri Théophile Hildibrand - Ausschnitt.png

Also auch in dieser Hinsicht ist er der „Vater der Science Fiction“. Denn auch die besten modernen Autoren nutzen das Mittel der Fiction, um Themen der Gegenwart zu diskutieren.

Übrigens finden sich auch viele Reiseerzählungen in Vernes Gesamtwerk. Jules Verne ist selbst ein weitgereister Mensch gewesen, und seine Beschreibungen der Welt am Ausgang des letzten Jahrhunderts dokumentieren eine Epoche, in der die westliche, europäische Kultur zwar schon überall wirkte, aber längst noch nicht so energisch.

Manchmal allerdings mögen dem modernen Menschen die Rahmenhandlungen etwas kitschig vorkommen. Der Geschmack hat sich halt gewandelt... Auch wird der eifrige Leser feststellen, daß sich die Handlungsmuster zu wiederholen beginnen, ganz abgesehen davon, daß man sich in die Sprache des letzten Jahrhunderts erst einlesen muß. Dennoch ist Jules Verne unbedingt empfehlenswert zu lesen. Und auf Französisch (dessen bin ich leider nicht mächtig) soll er ein Meister des pointierten Erzählens und unübertroffener Beherrscher des Wortwitzes sein. Wie der Pawlak-Verlag in seinem Kommentar zur Paperback-Gesamtausgabe von 1984 feststellte: „Sich mit Jules Verne auf die ‘Voyages extraordinaire’, die abenteuerlichen Reisen in bekannte und unbekannte Welten zu begeben, heißt, sich mit Phantasie, schnurrigem Witz und tapferer Humanität zu verproviantieren.“

Um vielleicht etwas den Einstieg in das Leseabenteuer Jules Verne zu erleichtern: Hier folgt noch eine kleine kommentierte Empfehlungsauswahl von Titeln.

  • Von der Erde zum Mond und Reise um den Mond: Diese beiden Romane erzählen mit viel Ironie vom mißglückten Versuch des Gun Club, ein bemanntes Projektil zu Frau Luna zu schicken. Sehr lesenswert!
  • Kein Durcheinander: Eeine ziemlich bittere Zeitgeist-Analyse: die Geschichte der weiteren Pläne des Gun Club. Ein gigantischer Kanonenschuß soll die Erdachse verändern.
  • Reise zum Mittelpunkt der Erde: Durch einen Vulkanschlot dringt eine Forschergruppe in eine unterirdische Höhlenwelt vor, in der noch Dinosaurier hausen. Der Urahn von Lost Worlds
  • Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer: Die Geschichte des Kapitän Nemo und seines U-Bootes. Im Gegensatz zur barocken Schönheit des Disney-Filmes von klassischer Schlichtheit.
  • Die geheimnisvolle Insel: drei Ballonfahrer werden vom Sturm auf eine einsame Insel verschlagen und müssen dort zum Überleben die Zivilisation von neuem aufbauen.
  • Der Kurier des Zaren: der Held schlägt sich im Auftrag des Zaren mitten durch das von Tataren besetzte Sibirien. Sehr spannender Klassiker.
  • Reise durch die Sonnenwelt: Ein Komet streift die Erde und entführt dabei einige „Passagiere“ verschiedener Nationen auf eine lange Fahrt. Sehr phantastische Geschichte, die Stellung bezieht gegen den Nationalismus.
  • Die fünfhundert Millionen der Begum: Eine unermeßliche Erbschaft wird aufgeteilt. Der eine Erbe gründet eine Stadt der Gesundheit, der andere hingegen baut Stahlstadt auf: eine mächtige Kriegsindustrie. Fast scheint es, als habe Jules Verne den Krupp-Konzern der Weltkriege erahnt... Eine Anklage gegen die Industrie und den Militarismus, noch dazu sehr spannend erzählt!
  • Das Testament eines Exzentrischen: Eine große Erbschaft soll verteilt werden. Unter notarieller Aufsicht werden die potentiellen Erben ausgelost und beginnen eine Partie „Gänsespiel“. Das Spielbrett: die vereinigten Staaten, die Spielfelder: in jedem Staat der Union ein ausgewählter Ort. Der Gewinner erhält alles... Äußerst spannende Geschichte und eine verrückte Idee!
  • Die Jagd nach dem Meteor: Wenn ein Meteor, ganz aus Gold, auf die Erde stürzt, wem gehört er dann? Noch dazu, wenn ein genialer Wissenschaftler behauptet, ihn mit Hilfe einer „Gravitationsmaschine“ zum Absturz gezwungen zu haben? Mit einem Schlag verlieren die Goldreserven von Fort Knox sogar noch schneller ihren Wert als der Grundstückszaun des Herrn Erfinders... Sehr vergnügliche Abrechnung mit der großen Politik.
  • Robur der Sieger: Recht drastisch beweist der Ingenieur Robur, daß der Hubschrauber dem Ballon überlegen ist. Freunde macht er sich damit beim Ballonfahrerclub nicht. Technisch besonders interessant.
  • Der Herr der Welt: Ein Mann und sein Batmobil gegen den Rest der Welt - das ist Wahnsinn! Eine Fortführung der Geschichte von Robur.
  • Mathias Sandorf: Eine Verbeugung Jules Vernés vor dem „Grafen von Monte Christo“, gleichzeitig eine energische Stellungnahme für die Freiheit.
  • Reise um die Welt in achtzig Tagen: Eine Wette führt Phileas Fogg, Esq. und seinen Diener Passepartout mit den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln rund um den Globus, in ihrem Schlepptau ein Detektiv des Scotland Yard und eine indische Prinzessin. Selbst im Zeitalter der Düsenjets noch faszinierend!

Roland Röpnack

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