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Roland Röpnack bespricht den Science Fiction-Roman Der Staubozean von Bruce Sterling.

Aufbau und Inhalt[]

Der Beitrag stellt die Ausgangssituation und zwei wesentliche Charaktere dar.

Illustration und Bilder[]

Eine Walfangszene mit einem scheinbar fliegenden Segelschiff, abgeschossenen Raketen oder Torpedos und einem fliegenden Wahl bietet Bezug zur Geschichte wie auch zu Moby Dick.

Querverweise[]

Der Beitrag nennt die Verwandtschaft zum Klassiker Moby Dick.

Metadaten[]

Autor*in Roland Röpnack
Illustrator*in Roland Röpnack
Ausgabe Störtebekers Logbuch Nr. 16
Seiten 49-50
Format Zweispaltig

Quelltext[]

Aus der Bordbibliothek[]

Der Staubozean[]

Der Staubozean, im amerikanischen Original Involution Ocean, war das Erstlingswerk (1977) des SF-Autors Bruce Sterling, der im Zusammenhang mit Cyberpunk zum Begriff wurde. Nachdem der Roman 1980 bei Knaur als Der Staubplanet erschien, hat Heyne ihn 1996 neu aufgelegt. (ISBN 3453109317)

Schon immer haben Menschen die Wüste und das Meer miteinander verglichen. Aber Sterling dreht die Redensart von der Wasserwüste um und erschafft ein Sandmeer, das seinen Namen verdient!

Nullaqua ist eine unwirtliche Kolonie der Menschheit. Der Planet hat kaum Atmosphäre. Nur in einem riesigen Krater von über 500 Meilen Durchmesser ist die Luft dicht genug zum atmen. In siebzig Meilen Tiefe jedoch ist der Krater gefüllt mit einem uner-meßlich feinen Staub, einer Folge der Erosion auf dieser alten, verbrauchten Welt. Das ist das Staubmeer. Die menschlichen Sied-lungen beschränken sich auf ein paar Inselklippen zwi-schen dem feinen Sand und dem Vakuum. Und auf Meeresniveau ist die Luft so staubgeschwängert, daß Atmen im Freien nur mit Filtermaske möglich ist Aber Nullaqua ist keine tote Welt. Im Ozean aus Staub gibt es Leben. Die Lebewesen sind aufgrund von Ähnlichkeiten analog zu denen irdischer Ozeane benannt. Da gibt es Fische, die blind durch den Staub tauchen. Fliegende Fische dienen den Staubhaien als Lotsen. Diese wiederum haben auf ihrer Rückenflosse ein Auge, um, noch untergetaucht, über den Staub zu sehen. Und mächtige eierlegende Staubwale pflügen durch diese Silikonfluten, um das Plankton aus dem Staub zu filtern. Der Grundstoff des Lebens, das Wasser, kommt nur in gebundener Form vor - meistens in der von Lebewesen! Auf dieser Welt ist alles knapp. Wasser, Energie... und so fahren mächtige Segelschiffe auf das Staubmeer hinaus, um die Inseln miteinander zu verbinden und von den Schätzen des Staubmeeres zu schöp-fen - unter anderem die Staubwalfänger. Deren mehrmonatige Fang-reisen sind besonders riskant, denn die Tiefen des Staubmeeres sind völlig unergründet, und der Staub ist ein erbarmungsloser Feind. Wenn der schwache Wind einmal zum Sturm anschwillt, schmirgelt er die Haut von den Knochen.

Von Nullaqua kommt eine Modedroge der Galaxis: das Syncopin. Der Ich-Erzähler, ein Abhängiger namens John Newhouse, ist daher mit anderen Außenweltlern auf diese Welt gekommen und hat eine Drogen-Kommune gegründet. Von hier aus versorgt er den Markt seiner Heimatwelt als Dealer mit dem „Flackern“. Als der Stoff von der Konföderation für illegal erklärt wird und die Versorgung des Marktes zusammenbricht, geht Newhouse mit einem Gefährten als Koch an Bord eines Staubwalfängers. Denn Syncopin wird aus dem Gedärmeöl der Staubwale hergestellt. Der Kapitän der Lunglance jedoch, der das Pseudonym „Nils Desperandum“ (nach der lateinischen Redewendung „nicht verzweifeln!“) führt, entpuppt sich als Besessener besonderer Art. Unter dem Vorwand, eine Fangreise zu unternehmen, will er der staubigen Tiefe ihre Geheimnisse entreißen. Doch nicht die Ökologie dieses Planeten ist das Thema des Buches. Tatsächlich bleiben viele Fragen offen und sollen auch gar nicht beantwortet werden. Es geht um die Mannschaft der Lunglance, die angesichts einer erbarmungslosen Natur mit sich selbst konfrontiert wird. Da sind der Dealer Newhouse und sein ebenfalls süchtiger Gefährte, das „Greenhorn“ Monty, die mit ihrem Entzug und der schrumpfenden Reserve zu kämpfen haben. Käpt́n Desperandum, der den alten Kampf der Menschheit gegen die übermächtigen Naturgewalten kämpft. Sein intellektueller Widersacher Murphy, der genetisch umweltangepaßte Einheimische mit seiner religiös-mystischen Weltsicht. Und die Fledermausfrau Dalusa. Von ihrer eigenen Art verstoßen, erlebte sie den ersten Kontakt ihrer Artgenossen mit den Menschen. Sie folgte ihnen und ließ sich kosmetisch an die menschliche Gestalt anpassen. Noch immer ist sie ausgestoßen, eine groteske Mischung aus Fledermaus und weiblicher Schönheit. Und ihre Liebesbeziehung zu Newhouse wird bitterschmerzlich. Denn Dalusa ist hochgradig allergisch gegen die Berührung von Menschen...

Der Vergleich mit Hermann Melvilles Moby Dick ist wohl schon öfter gemacht worden. Mit Sicherheit stellt Der Staubozean eine - nun, in der Musikwelt würde man sagen, die Cover-Version eines Oldie-Hits dar. Aber während Melvilles Ahab mit seinem Haß die ganze Mannschaft ins Verderben reißt, muß an Bord der Lunglance jeder mit seinen eigenen Obsessionen, der eigenen Psyche kämpfen - und in der Enge des Schiffes kann sich niemand vor den anderen verstecken, reibt sich jeder an dem Anderen. Die Fahrt der Lunglance wird so zu einem Drama der Beziehungen. Und der Schluß ist einfach abgedreht, anders kann man das nicht mehr bezeichnen!

Fazit: keine Space-Opera. Aber hervorragende Science Fiction, und ein gutes Remake eines Klassikers der Bücherschränke obendrein - also vielleicht ein Grund, hinterher auch den alten Moby Dick einmal zu lesen.

Roland Röpnack

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